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Schlangenlinie: Das Muster des Monats, 06/2018

Kein Drohnen-Foto eines Rhein-Altarms, so viel ist klar. Eher etwas sehr Kleines - aber was genau schlängelt sich da durchs Bild?

Es ist gewissermaßen ein Schatten, ein Geist, ein Platzhalter. In einem polierten Stück Jura-Marmor - auch Treuchtlinger Marmor genannt - hat das transparente Mineral Calcit den Platz ausgefüllt, den einst eine Kammerscheidewand (ein Septum) eines Ammoniten einnahm:

Auch wenn er unter diesem Namen gehandelt wird: Gesteinskundlich ist Jura-Marmor ein Kalkstein, der (anders als echter Marmor) keine Metamorphose durchlaufen hat. Entstanden ist er vor etwa 160 bis 140 Millionen Jahren aus Riffen; daher enthält er zahlreiche Fossilien von Meerestieren. Wir kennen ihn unter anderem von Fensterbänken. Als in unserem Hausflur vor einigen Monaten die alten Fensterbänke zersägt und abtransportiert wurden, konnten wir der Versuchung nicht widerstehen: Wir haben uns zwei Fragmente angeeignet, die jetzt in der Küche als Pizzasteine dienen. Dieses Stück ist etwa 45 Zentimeter breit:   

Das größte Fossil ist ein etwa acht Zentimeter großer Ammonit. Neben ihm liegt ein versteinerter Schwamm von etwa anderthalb Zentimetern Durchmesser:

In dieser kontrastverstärkten Aufnahme sieht man besonders gut, dass der Ammonit uneinheitlich versteinert ist. Einige Hohlräume sind mit dem bereits erwähnten Calcit gefüllt; einige der Kammern in der äußeren Windung wurden bei der Einlagerung am Meeresgrund (oder später) zerquetscht; an anderen Stellen ist das Wellenmuster der Schale sehr gut erhalten:

Hier die geriffelte Außenseite der Schale aus der Nähe. Außerdem sehen wir, dass in den Kalkstein ringsum zahlreiche Mikrofossilien eingelagert sind, die dem Jura-Marmor seine charakteristische grobkörnige Textur geben:

In diesem farbverstärkten Ausschnitt erkennen wir in dem Calcit, der den Raum eines ehemaligen Septums zwischen zwei Kammern des Ammoniten eingenommen hat, blättrige Reste des Gehäuses. Dieses bestand bei den zu den Kopffüßern (Cephalopoda) zählenden Tiere aus Aragonit, einem fein geschichteten Calciumcarbonat. Hier haben sich die Schichten beim Versteinern offenbar voneinander getrennt:

Neben Ammoniten und Belemniten (die ich in unseren beiden Fragmenten aber nicht entdeckt habe) zählen Schwämme zu den typischen Jura-Marmor-Fossilien. Aus der Nähe erkennen wir in diesem Schwamm ein Punkt- und Streifenmuster:

Hier der Rand des Schwammes, mit dem USB-Mikroskop abgelichtet:

Der Stein enthält zahlreiche andere biogene (also aus Lebewesen stammende) Strukturen, die ich nicht identifizieren kann - etwa diesen Querschnitt einer versteinerten Schale und mehrere helle "Perlen" mit einem Loch in der Mitte - vielleicht Stielglieder von Seelilien?

In der nicht polierten Unterseite der Platte tun sich ein paar Hohlräume auf, die drusenartig mit Calcit-Kristallen gefüllt sind:

Ähnliche Löcher auf der polierten Oberseite wurden mit irgendeinem harten, farblich passenden Kunststoff verfüllt. Das hat ganz schön gestunken in der Küche, als wir die Platten im Ofen erhitzt haben! Aber danach ließ sich das nunmehr spröde Füllmaterial gut entfernen, sodass wir uns beim Backen wohl nicht vergiften werden.

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