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Pfropfen im Meer: Das Muster des Monats, 5/2017

Ailsa Craig; (c) Stephan Matthiesen 2016

Ailsa Craig ist eine fast kreisrunde, kegelförmige Insel, etwa einen Kilometer im Durchmesser und 338 Meter hoch, die prominent und isoliert 10 km vor der schottischen Westküste, im äußeren Firth of Clyde, südwestlich von Glasgow liegt. Woher kommt die auffällige Form?

Es gibt viele ähnlich geformte Inseln in Schottland. Besonders bekannt und beliebt als Ausflugsziel ist der etwa halb so große Bass Rock - er liegt auf der anderen Seite Schottlands, etwa 2 km vor der Ostküste bei North Berwick an der Mündung des Firth of Forth:

Bass Rock; (c) Stephan Matthiesen 2011

Zur Orientierung ist hier eine Karte von Schottland, auf der ich die beiden Inseln markiert habe:

Karte von Schottland; Openstreetmap

Neben diesen Inseln finden sich im Binnenland ähnlich geformte, isolierte Hügel. Es handelt sich um vulkanische Schlotfüllungen - Überreste von Vulkanen, die vor Jahrmillionen aktiv waren; Ailsa Craig stammt aus dem Paläogen (vor 43 bis 23 Mio. Jahren), während die Gesteine des Bass Rock wesentlich älter sind und im unteren Karbon (vor 360 bis 326 Mio. Jahren) entstanden. Auf Englisch heißen Schlotfüllungen "volcanic plugs" ("vulkanische Pfropfen") - daher der Titel dieses Monatsmusters.

Vulkane entstehen, wenn heißes, flüssiges Magma aus dem Erdmantel durch die Krustengesteine aufsteigt. Es bilden sich zunächst röhrenartige Schlote durch das vorhandene Gestein, in diesem Fall Sedimentgesteine wie Sandstein. In ihnen wird das Magma an die Oberfläche transportiert, wo es dann als Lava austritt und je nach Temperatur und Zusammensetzung riesige, bergförmige Schildvulkane, Schichtvulkane oder andere Oberflächenformen bildet. Wenn der Vulkan erkaltet, also der Nachschub an heißem Magma aus dem Erdinneren versiegt, dann erstarrt auch das Magma in den unterirdischen Schloten und bildet Schlotfüllungen. Gesteine, die aus erstarrtem Magma entstehen, nennt man (logisch!) "Erstarrungsgesteine", "magmatische Gesteine" oder kurz "Magmatite".

Man kann sie weiter in "Plutonite" ("Tiefengesteine") sowie "Vulkanite" ("Ergussgesteine") unterteilen. Plutonite sind langsam, also meist in größerer Tiefe, erstarrt, sodass die Minerale in ihnen zu erkennbaren Kristallen anwachsen können. Granit ist ein bekanntes Beispiel, bei dem mit dem bloßen Auge verschiedene Minerale erkennen kann. Die Insel Ailsa Craig besteht aus Granit, der wegen seiner besonderen Farbe und Eigenschaften zu Steinen für das Curling (eine aus Schottland stammende Form des Eisstockschießen) verarbeitet wird.

Dagegen besteht der Bass Rock aus Trachyt, einem Vulkanit. Vulkanite sind magmatische Gesteine, die schnell erstarrt sind und daher viel feinkörniger sind als Plutonite; oft ist mit bloßem Auge nur eine einheitliche Gesteinsmasse erkennbar.

Zunächst liegen diese Schlotfüllungen freilich tief unter der Oberfläche, als Füllungen im ursprünglichen Sediment. Doch im Lauf der Jahrmillionen werden die oberflächlichen Teile des Vulkans von Wind und Wasser wegerodiert, und der darunter liegende Sandstein kommt wieder zutage - und mit ihnen die vulkanischen Schlotfüllungen. Magmatisches Gestein ist wesentlich härter als Sedimentgesteine - man denke nur an Granit im Vergleich zu Sandstein. Daher bleiben die magmatischen Schlotfüllungen noch lange, nachdem die umgebenden weicheren Sedimente längst wegerodiert sind, als charakteristische runde, steil aufsteigende Felsen in der Landschaft stehen.

Der Ailsa Craig ist durch seine Form und isolierte Lage eine imposante Erscheinung im Firth of Clyde. Wir befanden uns an der Südküste der großen Insel Arran, am Abend des 16. Mai 2016. Zu dieser Zeit geht die Sonne hier im Nordwesten, also links hinter mir, unter, sodass der genau im Süden liegende, 22 km entfernte Ailsa Craig mit seinen steilen Wänden hell erleuchtet ist - ein besonders starker Kontrast zu den abendlich dunklen Sandsteinen des Strandes von Arran:

Ailsa Craig; (c) Stephan Matthiesen 2016

Oft werden auffällige Naturmerkmale in der örtlichen Kultur und Tradition mit Übersinnlichem in Verbindung gebracht. Auch eine der Theorien, was der Name Ailsa Craig eigentlich bedeutet, nimmt darauf Bezug: Der gälische Name "Aillse Creag" bedeutet "Feenfelsen". Unumstritten ist das aber nicht, andere Theorien führen den Namen auf "Creag Alasdair" oder "Creag Ealasaid" (Felsen des Alasdair bzw. der Elizabeth) oder auch "Allt Shasan" (Klippe der Engländer) zurück, schreibt Wikipedia.

Wie dem auch sei, es scheint zumindest, dass der Ailsa Craig den Menschen des Neolithikums vor etwa 4000 Jahren bedeutend genug war, um eine Megalithanlage, ein mehrkammriges Steinkistengrab, genau auf die Insel auszurichten:

Cairn von Torrylin; (c) Stephan Matthiesen 2016

Hier die Grabanlage noch einmal aus anderer Perspektive, leider in der fortgeschrittenen Dämmerung schon sehr kontrastarm:

Cairn von Torrylin; (c) Stephan Matthiesen 2016

Nebenbei demonstrieren diese beiden Bilder das Prinzip der "erzwungenen Perspektive": Im ersten Bild erscheint die Steinkiste groß, die Insel unscheinbar klein, während die Insel im zweiten Bild riesenhaft dominant über der Steinkiste hängt - einfach, weil ich beim zweiten Bild viel weiter von der Anlage entfernt weg war und ein Teleobjektiv verwendet habe. In der Filmindustrie ist die erzwungene Perspektive eine der wichtigsten Tricktechniken, um etwa winzige Modelle zu riesigen Monstern zu machen.

Zurück zum Grab. Es handelt sich um den Cairn von Torrylin nahe der Ortschaft Lagg auf der Insel Arran. Derartige Grabanlagen waren Gemeinschaftsgräber, die über Jahrhunderte hinweg benutzt wurden. Wie man auf dem ersten Bild noch erkennt, bestanden sie in dieser Gegend um den Firth of Clyde einfach aus einer Reihe von kleinen, rechteckigen Kammern, die miteinander verbunden sind; in anderen Gegenden gibt es hingegen komplexere Ganggräber mit einem zentralen Gang und mehreren Seitenkammern. Über der Steinanlage wurde ursprünglich ein Hügel von etwa 20 m Durchmesser aufgeschüttet, der in Ansätzen hier noch innerhalb der Umzäunung erkennbar ist:

Cairn von Torrylin; (c) Stephan Matthiesen 2016

Der Cairn von Torrylin hat im Laufe der Jahrtausende gelitten, weil er überpflügt und beweidet wurde und örtliche Bauern auch Steine entfernten. Archäologen im 19. Jh. fanden Überreste von 6 Menschen und einige weitere Funde, wobei die Erforschung und Dokumentation nach heutigem Maßstab wohl recht oberflächlich war. Aus anderen Grabungen dieser Zeit weiß man aber, dass megalithische Grabanlagen eine Art "Gebeinhäuser" waren, in denen die Gebeine der Verstorbenen gesammelt wurden, nachdem die Körper zunächst anderswo verwesen konnten. Man erkennt dies etwa daran, dass die Anlagen überwiegend große Knochen wie Schädel oder Beinknochen enthalten, während etwa kleine Handwurzelknochen häufig fehlen: Wären die Toten direkt dort bestattet worden, so würde man im Wesentlichen alle Knochen erwarten. Ein wenig mehr Details zu Torrylin finden sich in der Wikipedia und bei Undiscovered Scotland, für den allgemeinen Kontext empfehle ich das Buch "Neolithic and Bronze Age Scotland" von P. J. Ashmore (veröffentlicht bei Historic Scotland, 1996).

Inseln wie Ailsa Craig und Bass Rock sind wegen ihrer steilen Hänge recht unzugänglich, und es hat auch nicht viel Sinn, auf ihnen zu siedeln, weil Ackerbau nicht möglich ist. Ganz unberührt blieben sie jedoch nicht. Der Granit von Ailsa Craig wurde, wie oben erwähnt, für Curling-Steine abgebaut, Fischer nutzen die Inseln als Stützpunkt, Piraten (und Katholiken) als Versteck, und in neuerer Zeit wurden auf ihnen Leuchttürme errichtet. Doch all diese Nutzungen sind nicht sehr intensiv und betreffen kaum die steilen Klippen dieser vulkanischen Schlotfüllungen, sodass Vögel dort sichere Nist- und Ruheplätze finden, zumal auch Ratten und andere Säugetiere die Inseln kaum erreichen. So finden sich auf den Felsen riesige, dichte Vogelkolonien, wie hier auf dem Bass Rock:

Bass Rock; (c) Stephan Matthiesen 2011

Bass Rock; (c) Stephan Matthiesen 2011

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