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Die Enden der Bindfäden: Das Muster des Monats, 12/2015

Es regnet Bindfäden, seit Tagen. Kein Wetter, bei dem man lange Expeditionen startet, um ein schönes "Muster des Monats" zu fotografieren. Man verlässt das Haus eigentlich nur, um schnellstmöglich ins Büro zu kommen oder das Nötigste einzukaufen. Und dann schleppt man keine Kamera mit herum, sondern fotografiert mit dem Handy - auch wenn die Bildqualität darunter leidet. Was habe ich hier abgelichtet?

Ein größerer Ausschnitt zeigt, dass es sich um ein exzessives Selfie handelt: Kopf, Arm, Handy, Regenschirm und grauer Himmel - sowohl zwischen den Tropfen als auch hundertfach in ihnen.

Den Untergrund bildete eine Porsche-Motorhaube. Auch auf der Motorhaube des nächsten Autos drängten sich dicht an dicht große Tropfen - und dazwischen viele kleine: 

Man kann darüber streiten, ob das ein "Muster (in) der Natur" ist. Und die eine oder der andere wird sich daran erinnern, dass wir solche Tropfenmuster hier bereits zwei Mal behandelt haben, nämlich im Juli 2014 sowie im Dezember 2014. Das hat den Vorteil, dass ich mir Ausführungen über Benetzung, Hydrophobie usw. ersparen kann: Bitte dort nachlesen!

Zurück zu den Motorhauben: Nicht immer perlen die Regentropfen so klar von ihnen ab. Das hängt unter anderem davon ab, wie neu der Lack ist, ob das Auto gewachst ist und ob der Wagen kürzlich bewegt wurde, sodass der Motor Wärme abstrahlt. Bei diesem Exemplar wechseln sich Regionen mit einzelnen Tropfen und kontinuierlich benetzte Flächen ab:

Auf manchen Motorhauben erkennt man Bahnen, die die Wege des Wassers während der Fahrt nachzeichnen:

Ähnlich verhält es sich mit den Scheiben fahrender Autos oder Züge. Meine Schwester und ich haben als Kinder bei Regenfahrten Wetten auf einzelne Tropfen abgeschlossen: Wer überholt wen, wer wird von den amöboiden Nachbartropfen aufgefressen?

Nicht nur Autos werden derzeit sehr, sehr nass. Man hofft, dass der Besitzer dieses Fahrrads ein Handtuch dabei hat:

Auch Fahrradsattel-Kunststoffe reagieren unterschiedlich auch den Regen. Dieses Exemplar ist kontinuierlich benetzt:

Selbst senkrechte Flächen bleiben nicht verschont, wie dieser Werbeaufkleber an einem Laternenpfahl zeigt:

Um endlich mal etwas Natur ins Spiel zu bringen: Blatt ist nicht gleich Blatt. Während die verdorrten braunen Platanenblätter und die lebenden Blätter der immergrünen Hecke größtenteils kontinuierlich genetzt sind, weist die Unterseite des kürzlich gefallenen Blatts unten rechts das Wasser ab, wohl wegen einer noch frischen Wachsschicht (Cuticula):

Um etwas Farbe in den tristen Tag zu bringen, hier noch ein älteres Bild einer Wachstuch-Tischdecke auf einem Biertisch. Die großen Flecken dürften die Hauptmassen der einzelnen Regentropfen sein, die kleinen dazwischen die Spritzer, die sich beim Aufprall von den Tropfen gelöst haben:

Nach dem Einkauf habe ich bei der Zubereitung des Abendessens weiter auf die Benetzbarkeit geachtet. Auf diesem wasserabweisenden Wirsingblatt bilden einige der Tropfen fast perfekte Kugeln, etwa rechts neben der Blattrippe in der Bildmitte:

Die Oberfläche nimmt das Wasser vor allem an den Blattadern so schlecht an, dass beim Waschen silbrige Lufteinschlüsse entstehen:

Die meisten Früchte haben ebenfalls eine wasserabweisende Oberfläche, etwa diese Habanero:

Auch auf Äpfeln, Mangos und Clementinen bildet das Wasser kleine Kuppeln, weil die Wachsschicht auf dem Obst eine vollständige Benetzung verhindert:

Die Wachsschicht verhindert zum einen ein Austrocknen der Früchte und Blätter und verringert zum anderen die Fäulnisgefahr bei großer Feuchtigkeit. Ein weiteres wasserabweisendes natürliches Material ist Kork - deshalb macht man aus ihm Korken:

Bei schlechten Lichtverhältnissen einen Wassertropfen auf einem gelben Küchenschwamm fotografieren zu wollen, war wohl etwas vermessen. Aber man ahnt zumindest, dass das Wasser nicht sofort einzieht. Der Schwamm ist also noch nicht lange in Gebrauch, denn mit der Zeit siegen die Kapillarkräfte über die Hydrophobie des Kunststoffs: 

Auf einfachem Notizpapier bleiben Wassertropfen erstaunlich lange stehen:

Ganz anders verhält es sich - wenig überraschend - mit Küchenpapier, das ja gerade die Aufgabe hat, Feuchtigkeit möglichst rasch aufzunehmen:

Und unsere Haut? Nach dem Waschen des Wirsings und der übrigen Zutaten waren meine Hände leicht entfettet; die Tropfen benetzen die Oberfläche zwar nicht ganz, haben aber ziemlich flache Anstellwinkel.

Als ich einen Tropfen Olivenöl auf meiner Handinnenfläche verrieb und diese anschließend mit Wasser besprenkelte, hatten die Tropfen wegen der nunmehr stärker hydrophoben Oberfläche steilere Anstellwinkel: 

Tröpfelt man ein wenig Wasser auf eine Schicht Olivenöl, versucht das Wasser in dieser "feindlichen Umgebung" seine Oberfläche zu minimieren, sodass die Tropfen die Kugelform annehmen:

Das ändert sich, sobald man einen Tropfen Spülmittel dazu gibt: Tenside sind Emulgatoren; sie setzen die Oberflächenspannung zwischen den beiden Flüssigkeiten so weit herab, dass sich das Wasser mit dem Öl mischt:

Damit endete meine kleine spätherbstliche Versuchsreihe zum Thema Regentropfen, denn die indischen Kohlrouladen erforderten meine ungeteilte Aufmerksamkeit. 

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