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Goldene Schlangen: Das Muster des Monats, 05/2015

Muster des Monats 05/2015; (c) Stephan Matthiesen

Was sind das für goldene Schlangen (die Farben sind nicht verfälscht)?

Es ist eine etwas ungewöhnliche Perspektive auf ein Phänomen, das bestimmt die meisten schon gesehen haben. Hier noch einmal das gesamte Bild richtig herum:

Blick auf die Schelde; (c) Stephan Matthiesen

Wie man vielleicht an dem dunklen Schatten in der rechten unteren Ecke erraten hat, habe ich das Bild aus dem Flugzeug aufgenommen. Ich war Ende April, nach einer längeren Reise durch Europa, auf dem Rückweg von Nürnberg nach Edinburgh. Am Abend befanden wir uns gerade einige Kilometer südöstlich von Antwerpen, in 12 km Höhe, ziemlich genau in der Mitte des rechten Rands der folgenden Karte. Der Blick ist genau nach Westen gerichtet:

Karte Schelde; (c) OpenStreetMap-Mitwirkende
Kartenausschnitt auf OpenStreetMap, (c) OpenStreetMap-Mitwirkende

Um diese Zeit, 18:20 Uhr, stand auch die Sonne tief im Westen. Das Land erscheint im Gegenlicht sehr dunkel, aber das beginnende Abendrot spiegelt sich in den vielen Flüssen, Kanälen, Seen und Teichen Flanderns und lässt sie golden leuchten. Der Blick des Rätselbildes umfasst ziemlich genau den folgenden Kartenausschnitt, in gleicher Ausrichtung (Blick von rechts/Osten nach links/Westen):

Karte Schelde; (c) OpenStreetMap-Mitwirkende
Kartenausschnitt auf OpenStreetMap, (c) OpenStreetMap-Mitwirkende

Der große Fluss im Zentrum ist die Schelde, die durch Antwerpen fließt. Am Ostrand des Bildes mündet die Rupel, parallel dazu der Seekanal Brüssel-Schelde. Der kleine Fluss im westlichen Teil des Kartenausschnitts ist die Durme.

Die Flüsse in Flandern mäandrieren stark, bilden also vielfältige Beugen, Schlingen und Windungen. In der Mitte des Bildes bzw. des Kartenausschnitts sieht man auch ein Altwasser, die Oude Schelde ("Alte Schelde") - ein alter Flussarm, der an beiden Enden vom Hauptstrom abgeschnitten ist und in dem das Wasser nun stagniert. Wie kommt es zu Mäandern und Altarmen?

Flandern ist flach, und der Boden besteht aus lockeren Sedimenten wie Sand und Kies, sodass die Form des Flusses nicht durch tektonisch entstandene Täler vorgegeben ist. Vielmehr schaffen sich Flüsse ihre eigenen Flussbetten. Betrachtet man die Strömung in einer Flussbeuge, so erkennt man schnell, dass das Wasser an die Außenseite der Beuge gedrückt wird; das ist ganz ähnlich wie beim Fahrrad oder Auto, mit denen man auch eher an der Außenseite als der Innenseite einer Kurve von der Straße abkommt, wenn man zu schnell ist. Im Fluss wird daher die Außenseite einer Beuge stärker erodiert, während sich an der Innenseite bei geringer Strömung oft Sandbänke bilden. Wenn also erst einmal, aus welchem Grund auch immer, eine leichte Beuge oder Windung im Fluss vorhanden ist, wird das Flussbett durch die Strömung so geformt, dass die Windung im Laufe der Zeit immer größer wird - ein sich selbst verstärkender Prozess. Wenn benachbarte Windungen immer größer werden, kann es vorkommen, dass sie sich verbinden und ein Teil vom Hauptstrom getrennt wird - es entstehen Altarme oder Altwasser, die ohne Strömung langsam versumpfen und verlanden und oft wichtige Lebensräume für Vögel und andere Tiere darstellen. Auffällige Flusswindungen nennt man oft Mäander, nach Maiandros, dem antiken griechischen Namen des heute in der Türkei gelegenen Flusses Büyük Menderes.

Das Abendrot war ja schon früher einmal Star unseres Musters des Monats. Es hat mich auf dieser Reise noch weiter begleitet, und stets erschien das Land dunkel, Wasser dagegen rötlich golden:

Blick auf die englische Küste; (c) Stephan Matthiesen

Dieses Foto entstand vor der englischen Küste; die auffällige Bucht ist die Trichtermündung des Flusses Blackwater bei Maldon. Das Flugzeug ist wieder ungefähr in der Mitte des rechten Kartenrands:

Karte englische Küste; (c) OpenStreetMap-Mitwirkende
Kartenausschnitt auf OpenStreetMap, (c) OpenStreetMap-Mitwirkende

Abschließend noch ein ganz anderes Phänomen, das ich kurz darauf auf demselben Flug beobachten konnte, diesmal allerdings - nach einer Kurve - in Richtung Osten, mit der untergehenden Sonne hinter uns:

Schatten Kondensstreifen; (c) Stephan Matthiesen

Der schwarze Strich am Boden setzt sich aus einem bestimmten Blickwinkel auch über den Himmel hinweg fort:

Schatten Kondensstreifen; (c) Stephan Matthiesen

Es ist der Schatten eines Kondensstreifens, vermutlich des Kondensstreifens, der am oberen Bildrand genau parallel zum Schatten zu sehen ist. Schatten am Boden sieht man beim Fliegen öfter; Kondensstreifen sind ja letztlich künstlich erzeugte Cirruswolken (auch das war bereits Thema eines Musters des Monats) und werfen Schatten wie andere Wolken auch. Seltener ist es, diese Schatten auch am Himmel selbst zu sehen. Selbst dunstige Luft ist meist zu durchsichtig, um als Projektionsfläche für Schatten zu dienen. In diesem Fall jedoch wird der Schatten durch die besondere Blickrichtung sichtbar. Der Kondensstreifen ist gerade und langgestreckt; der von ihm beschattete Bereich hat also die Form einer (imaginären) dünnen, hohen Wand zwischen dem Schatten am Boden und dem Kondensstreifen am Himmel. Im Augenblick der Aufnahme blicken wir, mit der Sonne im Rücken, gerade sehr flach auf diese "Schattenwand", die aus diesem Blickwinkel dunkler erscheint als aus einem steileren Winkel (wie im vorigen Bild).

Am Boden fand ich dann übrigens gleich noch weitere mäandrierende Schlangen vor. Leider keine goldenen - vielmehr die stundenlangen Schlangen, an deren Ende die britische Einwanderungsbehörde von Jahr zu Jahr langsamer und umständlicher jeden Reisenden mit seinem Passbild und Computerdaten vergleicht. Solche Warteschlangen zeichnen sich dadurch aus, dass man immer in einer langsamen steht. Eine einfache Täuschung, die auf selektiver Wahrnehmung beruht: Wenn es beispielsweise zehn Schlangen gibt, ist die Wahrscheinlichkeit nur 10%, dass man in der schnellsten steht. In 90% der Fälle sieht man also, dass eine der anderen neun Schlangen schneller ist - aber man beachtet nicht, dass meist unter den anderen auch einige Schlangen noch langsamer sind als die eigene. Bei der Einwanderungsbehörde jedenfalls sind inzwischen alle Schlangen sehr lang und langsam.

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