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Das Muster des Monats, 09/2013

Muster des Monats 9/2013; (c) Stephan Matthiesen

Wieder einmal ein Bild aus Island! Was ist das?

(Zur Erklärung bitte weiterlesen)

Eigentlich interessieren wir uns vor allem für Muster, die in der Natur spontan entstehen, doch dieses hier wurde von Menschen gemacht. Es sind Steinmännchen oder, auf Isländisch, vörður (Einzahl: varða): kleine, von Reisenden aufgestapelte Steinhäufchen.

Steinmännchen, Laufskálavarðar; (c) Stephan Matthiesen

Solche Steinmännchen findet man in vielen Kulturen, auch in Deutschland. Sie werden teils bewusst als Wegmarkierung errichtet, aber an manchen Stellen ist es auch üblich, dass jeder Reisende einen Stein hinzulegt, sodass sie eher ungeplant entstehen. Manchmal wird dieser Brauch schnell mit Aberglaube oder Schutzzauber gegen die Gefahren des Reisens, ob nun Unwetter oder Naturgeister, in Verbindung gebracht; ob die Reisenden dies jedoch immer so explizit als Glücksbringer auffassen oder eher einfach einer Tradition folgen, ist aber sicher von Fall zu Fall unterschiedlich.

 Laufskálavarðar; (c) Stephan Matthiesen

Ungefähr an dieser Stelle befand sich zur Landnahmezeit ein großer Hof, Laufskálar, der beim ersten historisch bekannten Ausbruch des Katla im Jahr 894 zerstört wurde. Der markante Lavahügel wurde danach als Laufskálavarða bekannt, und es entstand der Brauch, dass vorbeikommende Reisende einen Stein hinzulegen. (Inzwischen sind die herumliegenden Steine aufgebraucht, sodass die isländische Straßenbehörde extra mehr Steine angeliefert hat, damit man die Tradition fortführen kann.) Auf dem Hügel selbst finden sich natürlich auch sehr große Brocken als Teile des Lavastroms, die ihm das gezackte, "burgartige" Aussehen geben.

 Laufskálavarðar; (c) Stephan Matthiesen

Laufskálavarðar; (c) Stephan Matthiesen

Diese Steinmännchen werden zwar von Menschen errichtet und sind damit nicht im eigentlichen Sinne ein Muster der Natur; als ein Beispiel für einen selbstorganisierenden Prozess sind sie dennoch interessant. Die gesamte Ansammlung der Steinmännchen ist schließlich keineswegs bewusst geplant, sondern resultiert aus den Aktionen Tausender von Personen, die sich niemals begegnet sind, über Jahrhunderte hinweg. Dabei entstand ein großes Areal von Objekten, die alle ungefähr die gleiche Größe und den gleichen Abstand zu ihren Nachbarn haben – es hat sich also spontan eine höhere Ordnung herausgebildet, ohne dass diese völlig regelmäßig ist.

Laufskálavarðar; (c) Stephan Matthiesen

Den Grund für die spontane Ordnung kann man sich leicht klar machen. Jeder einzelne Reisende möchte seinen Stein sinnvoll platzieren. Wenn irgendwo ein angefangenes Steinmännchen steht, legt man einen Stein drauf. Wenn das Steinmännchen aber schon recht groß ist, wird es immer wackliger, und man fängt besser ein neues an. Daher wachsen die Steinmännchen tendenziell immer bis zu einer gewissen Größe. Wenn man neu beginnt, möchte man einerseits nahe an den vorhandenen Steinmännchen sein, aber auch genug Abstand lassen, damit man um sie herumgehen kann. Also wird der Abstand immer ungefähr gleich sein. Und wie es bei Traditionen eben ist, versuchen die meisten Menschen, es ungefähr so ähnlich zu machen wie das, was schon da ist. Ohne übergeordneten Plan entsteht so eine Ordnung, einfach weil jeder Einzelne denselben nahe liegenden Regeln folgt – genau das ist es, was man unter Selbstorganisation versteht.

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