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Das Muster des Monats, 07/2011

Muster- und Strukturenratebild, Juli 2011

kranker Ilex

(Zur Erklärung bitte weiterlesen.)

Mein Verhältnis zur Europäischen Stechpalme (Ilex aquifolium) ist nicht ungetrübt. Die Blätter des robusten immergrünen Strauchs oder Baums sind im allgemeinen hübsch mit ihrem satten Grün, ihrem Hochglanz und den abwechselnd auf- und abwärts geneigten Stachelzähnen. Aber wer je als Kind beim Herumtollen barfuß auf ein abgefallenes Blatt getreten ist, das ich im Gras verborgen hat, wird sich dem Ilex später stets nur unter Vorbehalt nähern.

Vor einiger Zeit hat das unrühmliche Ende einer ansonsten schönen Geocaching-Tour meinen Unmut erneuert: Die letzte Station vor dem Final eines Multi-Caches lag mitten in einem Ilexwäldchen. Wir haben uns jedem einzelnen Ilex im Umkreis von mehreren Dutzend Metern von jeder erdenklichen Richtung genähert und uns die Arme, Beine und Nasen zerkratzt – ohne fündig zu werden. Wir decodierten den Zusatzhinweis: "künstliches Ilexblatt". Na großartig. Nein, wir haben das eine künstliche unter Millionen echter Ilexblätter vor Einbruch der Dunkelheit nicht gefunden.

Entsprechend skeptisch wurde ich, als wir am vergangen Sonntag an die Zielkoordinaten eines weiteren Multi-Caches in der Nähe von Leverkusen-Schlebusch kamen und uns ... in einem Ilex-Wäldchen wiederfanden. Diesmal war es jedoch ganz einfach. Gerade wollten wir nach vollbrachter Tat von dannen ziehen, da fielen mir eigenartige Verfärbungen auf etlichen Ilexblättern auf. Hier einige weitere Beispiele:

Stechpalme

Ilexblatt

Stechpalme

Ilexblatt

Also, gesund ist das nicht. Aber ästhetisch äußerst reizvoll – zumindest von oben! Dreht man die so gezeichneten Blätter um, so erkennt man, dass zumindest einige der Ringe bis auf die Unterseite der dicken mehrjährigen Blätter durchschlagen. Zudem entdeckt man ein jede Menge Insekten (Blattläuse, Zikaden usw.) und deren Gespinste:

Blattunterseite mit Ring und Insekten

Keine Frage, dieser Ilex macht einiges mit. Im folgenden Durchlichtbild sehen wir, dass die gelbe Farbe der Ringe wohl durch den örtlichen Abbau des Chlorophylls im Parenchym der Blätter zustandegekommen ist.

befallener Ilex

Von oben betrachtet fällt auf, dass die bisweilen überraschend regelmäßigen konzentrischen Ringe (hier gleich drei Generationen, die ein regelrechtes Zielscheibenmuster ergeben) praktisch ungestört über die Blattadern, sogar über die dicke Hauptachse, hinweglaufen. Wo sich zwei Ringe begegnen, löschen sie einander aus, wie man es von vielen Erregungswellenmustern kennt. Offenbar muss ein Mindestabstand zu den vorangehenden und benachbarten Ringen eingehalten werden:

konzentrische Ringe auf Ilexblatt

Sofort fühlt man sich an die konzentrische Anordnung der Fruchtkörper vieler Flechten erinnert:

konzentrische Flechtenringe

schwarze Fruchtkörper, helle Flechte

Hier lassen sich sogar drei Wachstumsphasen unterscheiden, die sich zyklisch wiederholen:

mehrfarbige Flechte

Aber Flechten werden es nicht sein, die den Ilex befallen haben. Vielleicht Pilze, die regelmäßig (einmal im Jahr?) Fruchtkörper ausbilden? Oder doch eher Viren, beispielsweise sog. Ringfleckenviren? Eine Netzrecherche lieferte enttäuschen wenig: Vergleichbare Fotos habe ich überhaupt nicht gefunden. Immerhin: In einem Artikel (PDF!) aus dem "Magazin für den Garten- und Landschaftsbau", der Krankheiten bei Ilex und Mahonie behandelt, ist in einer Tabelle von "gelben Ringmustern auf den sonst grünen Blättern" die Rede, die Folge einer "Virusinfektion" seien. Welche Viren, das erfahren wir dort leider nicht. Mich hätte interessiert, warum auch eine Vireninfektion sich ringförmig-zyklisch ausbreitet.

Warum bleibt das Blattgewebe zwischen den gelben Ringen weitgehend unbeeinträchtigt? Dafür gibt es m. E. nur eine logische Erklärung, die sich beim Blick auf eine Querschnittzeichnung eines Laubblatts erschließt. Hier ein Querschnitt durch ein Christrosenblatt, den ich 1985 im ersten Semester meines Biologiestudiums skizziert habe – rechts ein  Überblick über die Schichten, links zelluläre Details:

Schemazeichnung, Helleborus niger, 1985

Wir sehen, dass die Chloroplasten in den inneren beiden Schichten angesiedelt sind: dem Palisadenparenchym an der Oberseite und dem luftigen Schwammparenchym in der unteren Hälfte. Hier findet die Photosynthese statt. Die obere und die untere Epidermis dienen dagegen dem Schutz des Parenchyms. Ich vermute, dass der Verursacher der gelben Ringe (ob nun Pilz oder Virus) die obere Epidermis befällt und sich die meiste Zeit ausschließlich in ihr ausbreitet, parallel zur Oberfläche. Nur zu bestimmten Zeiten (Fruchtkörperbildung, Freisetzung neuer Viruspartikel?) dringt das Pathogen ins Innere des Blattes ein, wobei die Parenchymzellen und mit ihnen die Chloroplasten zerstört werden. Die Epidermis und die Cuticula (eine schützende Wachsschicht) halten das Blatt dennoch weiter zusammen. Anschließend breitet sich unser Rätselpathogen wieder in der oberen Epidermis aus – bis zum nächsten Vorstoß ins Innere.

So weit meine Überlegungen. Für Hinweise auf die genaue Natur des Ilex-Quälgeists wäre ich dankbar!


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