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Das Muster des Monats, 08/2010

Muster- und Strukturenratebild, August 2010

Ratebild 08/2010, (c) Stephan Matthiesen

(Zur Auflösung und Erklärung bitte weiterlesen.)

Wer sieht hier ein kleines Gespenst, das ein größeres jagt? Diese süßen Gespenster sind mir vor drei Wochen plötzlich während meiner Arbeit an der Universität Edinburgh begegnet. Nein, ich arbeite nicht als Parapsychologe, vielmehr koordiniere ich im Bereich Geowissenschaften derzeit das Projekt Bortas, in dem wir die Auswirkungen von kanadischen Waldbränden auf die Chemie der Atmosphäre untersuchen, und die "Geister" fanden sich in einem Eintrag des U.S. Air Quality Blogs über unsere Arbeit. (Blog-Autor Ray Hoff beschreibt die kleinere Struktur ebenfalls als "Casper the Friendly Ghost".) Sie jagen sich über Kanada:

Hazard Mapping System Smoke Product; (c) NOAA

Die grauen Bereiche dieser Grafik zeigen die Verbreitung des Rauchs von Wald-, Busch- oder Präriebränden am 10. Juli. Diese Analysen werden regelmäßig von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) aus Satellitenbeobachtungen erzeugt, als sog. "Smoke Product" des "Hazard Mapping Systems". Die roten Punkte sind die von Satelliten beobachteten Brände. Am "Schwanz" des kleinen Gespensts erkennt man deutlich eine ganze Reihe von Bränden im Norden der kanadischen Provinz Saskatchewan, deren Rauch dann nach Westen verblasen und verwirbelt wird und zu der "Geist"-Wolke über Manitoba wird. Die Anzahl der roten Punkte gibt übrigens einen kleinen Eindruck davon, wie erstaunlich häufig Wald- und Präriebrände sind – etwas, das man selten in den Medien hört. Sie sind Teil des natürlichen Ökosystems und entstehen im Sommer häufig durch Gewitter; in den sehr dünn oder gar nicht besiedelten Gebieten Kanadas werden sie nur dann bekämpft, wenn Leben oder erhebliche Sachwerte gefährdet sind.

Nun hatten Sie natürlich keine Chance, dies alles aus dem Bild zu erraten! Aber es ging mir eigentlich nicht so sehr darum, was hier zu sehen ist, sondern darum, wie wir diese Struktur wahrnehmen – viele Menschen sehen wohl spontan eine Art "Gespenst", und wenn man das erst mal im Kopf hat, ist es ziemlich schwer, dies nicht zu sehen. Dabei handelt es sich aber eigentlich nur um eine recht zufällige Struktur aufgrund der Windverhältnisse.

Wir sehen Wesen oder Gesichter ziemlich häufig in der Natur, wo eigentlich keine vorhanden sind. Hier ist ein anderes Beispiel für ein "Gesicht" in der Natur, gebildet von Flechten auf einem Stein:

Flechtengesicht; (c) Andrea Kamphuis

Und haben Sie auch schon einmal Tiere oder Gesichter in den Wolken gesehen? Das Internet ist voll von Geschichten über Kekse und Toastscheiben, die Jesus, Maria oder irgendwelchen weltlichen Berühmtheiten ähneln.

Nun wird es Ihnen vielleicht schon selbst passiert sein, dass Sie im morgendlichen Toast das Gesicht einer geliebten Person gesehen haben, aber vermutlich haben Sie selten beim Anblick der geliebten Person in ihr eine Toastscheibe gesehen (dazu müssten Sie schon sehr hungrig sein!). Wir sehen eine Wolke als Löwe, aber nicht einen Löwen als Wolke. Bei dieser Wahrnehmung handelt sich also nicht einfach um eine zufällige Verwechslung, vielmehr sehen wir bevorzugt Wesen und Gesichter, während unbelebte Objekte unsere Wahrnehmung nicht so dominieren. Denn unser Wahrnehmungssystem ist besonders auf die Wahrnehmung von Gesichtern und belebten Wesen eingerichtet. Bereits Neugeborene blicken beispielsweise länger auf das linke Bild, das eher einem Gesicht ähnelt als das rechte:

Babyversuch

Demnach haben wir die angeborene Neigung, Gesichter stärker zu beachten als andere Formen. (Eine ausführlichere Diskussion findet sich zum Beispiel in dem Buch "übernatürlich? natürlich!" von Bruce Hood.) Eine Vielzahl von psychologischen Experimenten und Beobachtungen zeigt, dass wir wohl alle Objekte in der Natur grundsätzlich intuitiv in drei Kategorien einteilen: unbelebte Dinge, belebte Wesen (Tiere) sowie Wesen mit einem absichtsvollen, denkenden Geist (andere Menschen). Diese Unterteilung der Welt ist für das Überleben ganz praktisch: Wenn vor unserem Wohnplatz ein unbelebter Stein herumliegt, können wir ihn völlig ignorieren. Liegt dort aber ein wildes Tier, dann sollten wir auf der Hut sein, denn es könnte uns angreifen. Und wenn dort ein Mensch sitzt, dann wird es ganz kompliziert, denn er könnte alle möglichen friedlichen oder feindlichen Absichten haben. Das ist zumindest die erste, grobe, Klassifikation, die wir in Sekundenbruchteilen treffen müssen; danach kann man dann mit mehr Zeit genauer hinsehen: Ist der Stein als Werkzeug brauchbar? Was für eine Art von Tier ist es? Kennen wir die Person?

Es ist also sinnvoll, dass unser Gehirn sehr schnell und spontan alles Gesehene in eine dieser drei Kategorien einteilen kann, und es hat spezialisierte Module und Schaltkreise dafür. Doch was macht man, wenn das Wahrgenommene nicht eindeutig ist? Wenn Sie gelegentlich nachts durch einen Wald oder Park gehen, wo Sie die Objekte am Wegrand nicht so genau sehen können, kennen Sie sicher das unkontrollierbare Gefühl, dass jeder Busch ein Wegelagerer oder ein Bär (oder ein Kobold) ist. Denn im Zweifelsfall entscheidet Ihr Gehirn, auf Nummer sicher zu gehen und eher etwas Lebendiges anzunehmen, vor dem wir auf der Hut sein müssen. Denn wenn Sie versehentlich einen Bären für einen Busch halten, kann Sie das das Leben kosten; wenn Sie aber einen Busch fälschlich für einen Bären halten, passiert Ihnen nichts.

Diese unwillkürliche und intuitive Neigung, Lebendiges in unserer Umwelt zu erkennen und dabei auch sicherheitshalber alles als lebendiges Wesen einzustufen, das nicht so ganz eindeutig erkennbar ist, führt als Nebeneffekt auch zur Wahrnehmung von Gesichtern auf Toastscheiben – oder von Gespenstern in wissenschaftlichen Grafiken!

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