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Das Muster des Monats, 04/2009

Muster- und Strukturenratebild, April 2009

Rätselbild05

(Zur Auflösung und Erklärung bitte weiterlesen.)

Auflösung

Als ich im März an einem Strand in Kerala (an der indischen Südwestküste) diese seltsamen Röhren-Ensembles entdeckte, ahnte ich noch nicht, dass ich gerade über ein hochaktuelles materialwissenschaftliches bzw. bionisches Forschungsobjekt gestolpert war. Aus dem Sand ragten rundliche Riffe oder Sandburgen auf, die tatsächlich – wie ich später auf der Website der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft las – an eine "Herde lagernder Hammel" erinnern:

Sandkorallenriff

Zwischen diesen Gebilden, auch Sandkorallen genannt, leben zahlreiche Schnecken, Austern und Krebse. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Kissen aus weitgehend parallel ausgerichteten Röhren von wenigen Millimetern Durchmesser und etlichen Zentimetern Länge aufgebaut sind:

Sandkorallen

Die Röhren bestehen aus Sandkörnern und Muschel- und Schneckenschalenfragmenten, die dachschindelartig zusammengeklebt sind:

riffbauende Borstenwürmer

Die Gebilde sind weicher als Stein; die Brandung bricht immer wieder Stücke aus den "Hammeln" heraus; Erosion und Wiederaufbau halten sich die Waage. Dabei brechen aber nicht die einzelnen Röhren auf, sondern die Bruchkante verläuft zwischen den Röhren.

Das poröse Lateritgestein bietet allerdings guten Schutz vor der Brandung. Das wissen auch die Seepocken (sessile Krebse) zu schätzen, die sich hier rings um ein Röhrenkissen angesiedelt haben:

Laterit, Borstenwürmerröhren, Seepocken

Wer diese Röhren baut und bewohnt, deren Innenseiten viel glatter sind als die Außenseiten, konnte ich in Kerala nicht herausfinden. Anschließende Recherchen brachten es schnell ans Licht: Es sind riffbauende Borstenwürmer (Klasse Polychaeta) aus der Familie der Sandröhrenwürmer (Sabellariidae). Je nach Art kommen etwa 6000 bis 60.000 Organismen auf einen Quadratmeter.

Um in der turbulenten Gezeitenzone derartig stabile Röhren zu errichten, setzen die Sandröhrenwürmer einen überaus leistungsfähigen Superkleber ein, der mittlerweile gut erforscht ist und synthetisch nachgebaut wird. In Zukunft sollen z. B. Chirurgen komplizierte Splitterbrüche damit behandeln.

Das Team um den Biotechnik-Professor Russell Stewart von der University of Utah hat kürzlich einen viel beachteten Fachartikel über den Superkleber der Gattung Phragmatoma veröffentlicht und diese fleißigen Sandburgenbauer auch im Video festgehalten.

An den indischen Küsten kommen mehrere Sandröhrenwürmerarten der Gattung Sabellaria vor, die auch in der Nordsee vertreten ist. 1996 hat R. M. Badve aus Pune diese Arten in der Zeitschrift Current Sciences der Indian Academy of Sciences vorgestellt.

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